Interview mit Timo Springer: DAO vs. traditionelle Organisationsformen

Piet Kleeßen
,
4.8.2022

Mittlerweile hat das Internet mehrere große Entwicklungsstufen durchlaufen. Es hat sich vom Web 1.0 zum Web 2.0 und in Teilen bereits zum Web 3.0 entwickelt.

Als Web 1.0 werden die Anfänge des noch jungen Internets beschrieben. Es gab vorwiegend statische Websites, mit denen die Nutzer nicht interagieren konnten. Das darauffolgende Web 2.0 wird oft mit den Anfängen der sozialen Netzwerke gleichgesetzt. Jeder hat die Möglichkeit einfach und unkompliziert Inhalte, sogenannten User Generated-Content zu erstellen. Diese Entwicklungsstufe des Internets war auch die Grundlage für den Aufstieg von Unternehmen wie Google, Apple, Facebook (heute: Meta) und Amazon (GAFA) zu mächtigen Plattformen, die das Internet bis heute dominieren. Aber ist das noch zeitgemäß, dass einige wenige Tech-Giganten aufgrund der Tatsache, dass sie Zugriff auf die Daten von Milliarden von Menschen haben, darüber bestimmen, wohin die Reise im Internet geht?

An dieser Stelle kommt das Web 3.0 ins Spiel. Ähnlich wie bei den zwei vorherigen Entwicklungsstufen gibt es keine einheitliche Definition und die Abgrenzung zu den zwei Vorgängern ist nicht eindeutig möglich. Im Kern geht es beim Web 3.0 aber um die Vision eines dezentralen, fairen, durch die Nutzer kontrollierten Online-Ökosystems. Dabei wird die derzeit vorherrschende Plattformökonomie durch ein Netzwerk unabhängiger Rechner und Server ersetzt. Die Basis für das Web 3.0 bildet dabei die Blockchain-Technologie, die es ermöglicht Daten ohne zentrale Instanz (Intermediär), also dezentral zu verwalten. Die Nutzer bzw. Ersteller von Content im Web 3.0 werden für ihren Beitrag mit Tokens entschädigt. Ein Schlüsselkonzept dieser Bewegung ist die DAO.

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Was ist eine DAO?

DAO ist die Abkürzung für Decentralized Autonomous Organization. Gemeint ist damit eine im Internet beheimatete Gemeinschaft, die auf der Grundlage gemeinsam definierter Regeln und transparenter Entscheidungsprozesse an einer gemeinsamen Mission arbeitet.

Das Rückgrat einer DAO sind ihre Smart Contracts. Ein Smart Contract ist einfach gesagt ein Programm, das auf der Ethereum-Blockchain läuft. Sie legen die Regeln der Organisation fest und verwalten die Gemeinschaftskasse der DAO. Die zugrunde liegenden Smart Contracts können von niemandem außer der DAO selbst geändert werden.

Wichtige Entscheidungen (Zahlungen, Regeländerungen, etc.) werden nicht von einer einzigen Person oder einem kleinen Kollektiv getroffen, sondern dezentral, sprich im Konsens aller Mitglieder der DAO. Die Entscheidungsprozesse werden dabei völlig transparent abgebildet.

Zu DAOs und wie sie den Kunstmarkt beeinflussen, haben wir bereits einen Blogartikel veröffentlicht.

Wie funktioniert die Entscheidungsfindung?

Jedes DAO-Mitglied kann Vorschläge einreichen, über die dann mittels sogenannter Governance-Tokens abgestimmt wird. Die Governance-Tokens erhalten die DAO-Mitglieder für erbrachte Leistungen oder können durch einen Kauf erworben werden. Den Einfluss, den ein Mitglied bei einer Abstimmung hat, hängt in der Regel von der Anzahl der Governance-Tokens ab, die er besitzt. Das Ergebnis der Abstimmung hängt von der Höhe der Beteiligung (Mindestbeteiligungsquote) und dem Abstimmungsverhalten (Mehrheitsbeschluss) ab.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Uniswap ist eine dezentrale Kryptowährungsbörse und als DAO organisiert. Im Unterschied zu anderen Kryptowährungsbörsen wie z.B. Coinbase, sind die Nutzer und Partner von Uniswap direkt am Erfolg von Uniswap beteiligt und haben Einfluss auf die Entscheidungen von Uniswap. Dies wird durch die Uniswap DAO und den Uniswap Governance-Token $UNI ermöglicht.

Der Abstimmungsprozess verläuft in drei Phasen:

  • Temperature Check (Besteht ein ausreichender Wille zur Änderung des Status quo?)
  • Konsens Check (Ziel: Eröffnung einer offiziellen Diskussion über einen möglichen Vorschlag)
  • Endgültige Abstimmung (Nach einer erfolgreichen Abstimmung wird die vorgeschlagene Maßnahme direkt ausgeführt)

Was sind weitere Anwendungsbeispiele?

PleasrDAO ist eine exklusive Gemeinschaft, die kulturell bedeutende NFT-Kunstwerke und Sammlerstücke kauft.

LinksDAO will den besten Golfclub der Welt aufbauen und hat mit seinen Membership-NFTs bereits mehr als 10 Millionen Dollar für diese Mission gesammelt.

Service-DAOs wie LexDAO und RaidGuild bieten Dienstleistungen wie Rechtsberatung und kreative Dienste für Web 3.0-Projekte an. Diese werden oft mit den Token des jeweiligen Projekts bezahlt.

Medien-DAOs wie Bankless und Forefront stellen das klassische Mediengeschäftsmodell auf den Kopf und beziehen die Leser aktiv in die Wertschöpfung ein.

Warum braucht es dafür die Blockchain?

Das Prinzip der dezentralen Durchsetzung von Regeln gibt es grundsätzlich schon lange und manifestierte sich bereits 2013 in Vitalik Buterin’s (Mitgründer & Erfinder der Kryptowährung Ether) ursprünglichen Whitepaper zu Ethereum – mit einer entscheidenden fehlenden Komponente: der Technologie zur Umsetzung. Damals konnten Daten nur mittels zentraler Instanz in einer verteilten Infrastruktur verwaltet werden. Die Blockchain ermöglicht es nun, Daten ohne zentrale Instanz (Intermediär) zu moderieren.

Die Blockchain-Technologie ermöglicht es zudem, viele kleine Eigentümer und Interessenvertreter mit Entscheidungsbefugnis und Gemeinschaftskasse zu koordinieren. Das Konzept des Eigentums ist ein zentraler Pfeiler des Web 3.0. Eine der wichtigsten Funktionen einer DAO liegt in der Fähigkeit, ihren Wert an ihre Mitglieder zu verteilen. Das bedeutet, dass die Arbeit der Nutzer (z.B. das Schreiben von Rezensionen) nicht mehr einer zentralen Organisation (z.B. Amazon) zugute kommt, sondern der Benefit der Arbeit in Form von Belohnungen an die Mitglieder umverteilt wird. Um beim Beispiel Amazon zu bleiben: Nicht mehr Amazon würde die Produktrezension monetarisieren und von dem Engagement der Nutzer profitieren, sondern der Autor würde bei einer “AmazonDAO” eine anteilige Dividende aus den Einnahmen, die seine Rezension generiert, erhalten. Alle partizipieren damit am Erfolg der Unternehmung – der DAO.

Timo Springer: DAO vs. traditionelle Organisationsformen

Timo Springer

Timo Springer, Mitgründer der DAO twire, ist der Meinung, dass die DAO das Organisationsmodell der Zukunft ist, um die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte zu lösen. Mit twire hilft er seinen Kunden selber DAOs zu „bauen“: Vom Konzept über die Mission, Tokenomics bis zur rechtlichen Ausgestaltung (über Partnerkanzleien).

Hi Timo, du hast auf Linkedin gepostet, dass du der Meinung bist, dass zukünftig viele nicht mehr nur noch bei einem großen Unternehmen angestellt sind, sondern verschiedene Beiträge zu einer Vielzahl von DAOs leisten und dafür entlohnt werden. Wie kommst du zu dieser Ansicht?

"Ich bin ganz stark der Überzeugung, dass in Zukunft viele Menschen ihren 40-Stunden Job verlassen, um DAO-Contributor (Mitwirkender) zu werden. Die Theorie dahinter ist eigentlich relativ einfach. Jeder der einen klassischen Vollzeit Job hat kennt es selber am besten: Irgendwas passt immer nicht, sei es das Gehalt, die Kolleginnen und Kollegen, man lernt nicht mehr, man hat zu viel zu tun oder die Strategie ändert sich und man steht nicht mehr dahinter. Daraufhin wechselt man den Job, ist die ersten zwei Monate motiviert und nach zweieinhalb Monaten fällt einem wieder etwas auf, das einen stört und im Kopf ist man eigentlich schon wieder eine Station weiter. Das führt meiner Meinung nach zu massiver Unproduktivität, Ineffizienzen und vor allem Unzufriedenheit bei vielen Angestellten.

Die Flexibilität, die hingegen DAOs mit sich bringen, ermöglichen es dem Individuum, nicht nur für eine DAO zu arbeiten bzw. zu contributen, sondern für eine handvoll. Das heißt, man hat zum Beispiel eine Cash-Cow DAO, also eine mit der man Geld verdient, eine DAO, die sich mit dem Thema Klimaschutz beschäftigt und man engagiert sich zusätzlich noch in der DAO des lokalen Sportvereins.

Das kann man weiter spinnen und am Ende resultiert das darin, dass das Individuum zufriedener, erfüllter und ausgeglichener ist – die Bedürfnisse besser abgedeckt sind. Das wiederum führt zu mehr Produktivität, Effizienz und schlussendlich zu mehr gesamtwirtschaftlicher Produktivität."

Welche Herausforderungen siehst du schon heute, bei denen traditionelle Organisationsformen an ihre Grenzen kommen?

"Dazu habe ich ein Beispiel. Wir tun uns in Deutschland extrem schwer gute Software zu entwickeln. Das hat natürlich vielschichtige Gründe, aber einer der Gründe ist, dass viele deutsche Unternehmen aufgrund ihrer Kultur und Denkweise nicht die Talente bekommen, die wirklich gute Software entwickeln können.

Dazu ein Beispiel: Ein Blockchain-Developer aus unserer twire-Community hat letztens ein Jobangebot von Volkswagen bekommen. Sie haben ihm gesagt, er soll dafür bitte nach Wolfsburg ziehen. Welcher Blockchain-Developer zieht für einen Job bei VW nach Wolfsburg?

Wenn man sich einigermaßen im Blockchain-Bereich auskennt, weiß man, dass egal wie viel Geld geboten wird, man mit so einer Bedingung eigentlich keine Chance hat.

Bei einer DAO sind die Commitments auf beiden Seiten viel geringer. Es basiert eigentlich alles auf Freelancer-Basis, der Recruiting Prozess ist maximal flexibel, funktioniert global und dauert statt mehreren Wochen wenige Stunden.

Wir als twire-Community können deshalb extrem schnell skalieren und viele verschiedene Rollen onboarden. So schaffen wir es, im Gegensatz zu VW, die besten Talente in unsere Community zu holen und für Projekte einzusetzen. Ich sage nicht, dass wir da heute schon sind, aber wir kommen da hin."

Welche weiteren Vorteile haben DAOs gegenüber traditionellen Organisationsformen?

"Nehmen wir als Beispiel den Sales-Prozess. Wenn wir als Service-DAO in einem Pitch mit Web 2.0 Agenturen sind, die wahrscheinlich alle Folien bauen und diese pitchen, stechen wir durch einen ganz anderen Ansatz hervor. Wir malen keine Folien, haben durch den Freelancer-Ansatz andere Mechaniken und erstellen die Angebote zusammen mit unseren potenziellen Kunden. Am Ende eines Sales-Calls konvertieren wir unsere potenziellen Kunden direkt in unseren Discord, in unsere Community. Die Person fängt dann an, mit der Community zu interagieren und hat schonmal den ersten Konvertierungsschritt gemacht, wodurch wir schonmal viel näher dran sind als unsere Konkurrenten. Ich würde mal die These aufstellen, dass eine Einladung in das interne Microsoft Teams oder Intranet eines Web 2.0 orientierten Unternehmens - Stand heute - absolut undenkbar ist.

Dazu kommt die extrem hohe Transparenz in einer DAO. Wenn ein potenzieller Kunde in unserem Discord ist, kann er selber mitlesen, Fragen stellen und interagieren. So wird er selber Teil der Community, wodurch sich die geteilte Sicht aus Kunde und Agentur auflöst. Deswegen ist auch die Transparenz, wenn du mich fragst, ein riesiger Sellingpoint, da sie ein enormes Vertrauen schafft."

Wo haben hingegen traditionelle Organisationsformen noch die Nase vorne?

"Tausende Themen. Was uns als Service-DAO tatsächlich unfassbar schwer fällt, ist die Ressourcenplanung. Stell dir vor, du bist eine Web 2.0 Agentur und hast 20 Mitarbeiter, wovon die Hälfte in Vollzeit arbeitet und die andere in Teilzeit. Du kannst relativ klar planen. Zudem wächst eine Agentur in der Regel auch organisch und nicht super schnell. Wir haben in wenigen Monaten 25 Mitglieder in die twire-Community geonboardet und dadurch, dass alles Freelancer sind, haben die Leute teilweise 6-7 Kunden, das heißt unsere Ressourcenplanung ist viel viel komplexer. Für uns bedeutet das, dass wir eigentlich immer mehr Mitglieder haben müssen, als Aufträge, also quasi ein Overhead an Mitgliedern, damit wir das ausgleichen können. Das ist ein ganz konkreter Nachteil, den wir im Bereich Service-DAO haben."

Wie sieht das mit Work-Life-Balance in DAOs aus?

"Das ist das Schöne an DAOs. Jeder kann so viel beitragen wie er möchte. Man geht kein festes Commitment ein, dass man 40h die Woche arbeitet, sondern trägt das bei, was man kann. Bei uns gibt es Mitglieder, die gefühlt 24/7 erreichbar sind, während andere nur 6 Stunden die Woche am Start sind – aber das ist in Ordnung. Diesen Mix ermöglichen DAOs viel einfacher als Unternehmen."

Wo siehst du die Zukunft von DAOs?

"Ich glaube, dass DAOs den Arbeitsmarkt revolutionieren werden – in vielen Bereichen, sicherlich nicht in allen. Es kristallisieren sich immer mehr Anwendungsfälle heraus, wie zum Beispiel Investment-DAOs, die so viel einfacher umsetzbar sind als in den bestehenden gesellschaftlichen Formen. Von daher glaube ich, dass DAOs nach und nach einen immer größeren Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung einnehmen werden.

Auf der anderen Seite ist bisher nicht geklärt, wie der Staat in regulatorischer Perspektive auf DAOs reagiert. Es steht zwar in der Blockchainstrategie der vorherigen Bundesregierung drin, aber passiert ist noch nichts. Zudem bin ich gespannt, was das mit dem Sozialsystem macht, wenn wir in Zukunft vielleicht viel mehr Freelancer in der Gesellschaft haben."

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